Tuesday, October 31, 2006

Der weiche Faktor (HAZ 31.10.06)

Denksport: Robert Enke grübelt über seine sportliche Zukunft – zieht der Fußball-Weltenbummler weiter oder bleibt er in Hannover?
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Hannover 96 verhandelt mit Robert Enke wieder über eine Vertragsverlängerung – ganz aussichtslos ist die Position der „Roten“ nicht. Geld? Spaß? Der Ruhm internationaler Fußballbühnen? Über Hannover 96 gibt es immer einen Klub, der viel mehr von all dem hat, was normale Fußballstars lockt. Aber weil Torwart Robert Enke – Idol der Bolzplätze, Liebling der AWD-Arena, Rückhalt der „Roten“ – kein Fußballstar wie all die anderen ist, geht vielleicht doch noch was. Seit gestern wird bei 96 wieder über die Verlängerung von Enkes Vertrag gesprochen, der zum Saisonende ausläuft. Es gibt diplomatisches Geplänkel am Verhandlungstisch – Klubchef Martin Kind und Gesellschafter Gregor Baum hüben, Enkes Berater Jörg Neblung drüben. Doch zwei Positionen stehen fest. Robert Enke zu halten, ist für 96 nicht bloß eine Option, sondern eine existenzielle Verpflichtung. Und Enke ist wohl willens, sich trotz besserer Angebote der Konkurrenz noch einmal auf Hannover einzulassen.Wie man es auch dreht und wendet: Bei diesem Tanz führt nicht der Klub, sondern Enke. Da sein Wechsel schon auf dem Programm des Bundesliga-Sommertheaters stand, konnten interessierte Vereine diskret Offerten lancieren. Trotz des Dementis von Trainer Thomas Doll dürfte der Hamburger SV im Rennen sein. Die Option VfB Stuttgart hat dagegen wohl nur geringe Relevanz. Doch alle Topklubs, selbst wenn sie sich bisher nicht gerührt haben, gucken genau hin, wenn ein Torwart mit auslaufendem Vertrag (geschätzter Marktwert: sieben Millionen Euro) ins Nationalteam befördert wird.Auch ein Wechsel ins Ausland, aus hannoverscher Sicht schlimmstenfalls schon im Winter, ist denkbar. „Gewisse Ligen kann man ausschließen“, bestätigt Berater Neblung. „Übrig bleiben in der Tat die Länder, wo die Fremdsprache für Robert kein Problem ist …“ – Enke spricht Englisch, Spanisch und Portugiesisch.Andererseits: Es scheint, dass der einstige Fußball-Globetrotter Enke Hannover, oder genauer: Empede bei Neustadt, gestattet, ein Stück weit Heimat zu werden. Wohl nicht zuletzt durch die Nähe zum Grab seiner kürzlich gestorbenen Tochter Lara. Mit gebotener Behutsamkeit sprechen die Unterhändler da von wichtigen „weichen Faktoren“. Salopp gesagt geht es darum: Hannover muss nicht so viel zahlen wie die Konkurrenz, aber 96 muss Mühe erkennen lassen, die Differenz klein zu halten. Und der Klub muss einen sportlichen Trend glaub- und schmackhaft machen: nach oben! „Die 2. Liga kann nicht das Thema sein“, sagt Berater Neblung. Martin Kind kann aber keine blühenden Fußball-Landschaften versprechen: „Diese Saison wird schwer, da wird es nicht die große Perspektive geben. Doch in Zukunft wollen wir uns entwickeln.“Ähnlich wird sich der Klub auch im Sommer geäußert haben, als der Vertrag mit Enke schon einmal fast unterschriftsreif war. Doch seither ist viel passiert: Enke war bei der Nationalelf, und die 96-Geschäftsführung ist ausgetauscht. Der ursprüngliche Unterhändler Ilja Kaenzig ist nur noch ein Sandsack-Manager: Er hängt in der 96-Geschäftsstelle herum und steckt harte Schläge ein. Unklar ist vor diesem Hintergrund, ob das ursprüngliche Zahlenwerk Bestand hat: Enke sollte der Vertrag in vier Jahren acht Millionen Euro zusichern. Klubchef Kind hat dazu in der branchenüblichen Verhandlungsdialektik gestern einerseits gefordert, dass „das Gehaltsgefüge der Mannschaft nicht gesprengt“ werden dürfe. Andererseits bezeichnete er das zur Verhandlung stehende Salär als „keine ganz schlechte, aber auch nicht dramatische Zahl“. Und ein Mitspieler assistiert: „Wenn einer es verdient hat, auf der Gehaltsliste ganz oben zu stehen, dann ist es Robert Enke.“Diese Vorzugsbehandlung, so der Tenor, verdient sich Enke nicht nur mit seinen Leistungen auf dem Platz, sondern auch mit den langfristigen und subtileren Effekten seines Engagements in Hannover: „Wir sind halt nicht der Verein, wo jeder hinwill, sondern der, der jeden halten muss“, umschreibt ein Profi die Situation. Es ist ein Kuriosum dieser Saison, dass bei den „Roten“ auch nach acht Spieltagen auf einem Abstiegsplatz noch keine große Angst um den Klassenerhalt umgeht. Die Nachricht von einem Wechsel Enkes würde dies schlagartig ändern.